Mit meiner Agentur helfe ich Unternehmen, ihre Story zu entwickeln. Und fast immer kommt in dem ersten Gespräch das Thema auf die Heldenreise. Jeder, der sich ein bisschen mit dem Thema Storytelling beschäftigt hat, hat wahrscheinlich schon einmal den Namen „Heldenreise“ oder „Hero’s Journey“ gehört. In der Theorie steckt eine Reise von 12 Schritten dahinter, in der ein Held oder eine Heldin verschiedene Stufen durchläuft, um nachher – nunja – zum Helden zu werden. In dieser „Reise“ gibt es u. a. den „Ruf des Abenteuers“, die „Übernatürliche Hilfe“ und zum Schluss „Die Freiheit zum Leben“.

Aber im letzten Jahr, bin ich stutzig geworden. Und ich habe mich gefragt: Brauchen wir die Heldenreise eigentlich noch? Ist die Heldenreise noch relevant? Und was wäre die Alternative?

Aber brauchen wir 2020 die Heldenreise noch? Ist die Heldenreise noch zeitgemäß?

Ich habe mich diese Dinge nicht etwa gefragt, als ich am Schreibtisch oder im Büro saß, sondern auf der Couch. Es war ein Wochenende im Juni und die neueste Staffel von Jessica Jones war gerade auf Netflix erschienen. Ich weiß nicht mehr, bei welcher Folge es war, aber irgendwann wurde mir klar: Netflix hatte sich von der klassischen Heldenreise abgewandt.

Und nicht nur das: statt Helden, sahen wir hier Menschen. Und statt Archetypen (auch ein Stilmittel im klassischen Storytelling) sahen wir  komplexe Charaktere, die nicht mehr gut oder schlecht sind, sondern erst gut und dann schlecht oder andersherum.

Das hat mich zum Nachdenken gebracht: Brauchen wir in einer Zeit, die geprägt ist von Klimakrise, politischen Unruhen und auch persönlichem Rollercoaster-Leben, brauchen wir in einer solchen Zeit noch Helden? Oder brauchen wir nicht eher Menschen, die die gleichen Probleme, Sorgen, Ängste, Träume und Hoffnungen haben wie wir selber? In denen wir uns selbst wiedererkennen können? Oder deren Welt wir neu kennenlernen dürfen?

Brauchen wir noch ein Happy End um jeden Preis oder können wir auch mit komplexen Stories leben, weil die näher an dem dran sind, was sich auch in unserem persönlichen Leben abspielt? Muss eine Marke, ein Unternehmen sich um jeden Preis selbst feiern oder können nicht auch andere Aspekte, viel realistischer kommuniziert werden?

Niemand hat den besten Tag seines Lebens in einem Fast Food Restaurant und niemand spürt den Duft der „Freiheit“, wenn man in einem Mini-Van zum Supermarkt fährt und Sprudelkästen einlädt. Und das ist völlig okay. Denn auch Fast Food Restaurants oder Mini-Vans haben tolle, aufregende, lustige, komische, absurde, traurige, erinnerungswürdige Stories, die man großartig erzählen kann!

Die Heldenreise ist eine super Story, aber es ist nicht die einzige Story, die wir erzählen sollten.

Barack Obama hat gesagt:

„Eine gute Story hilft uns, die Welt außerhalb von uns selbst zu sehen.“

Und das ist genau das, wofür Stories da sind: um unsere eigene Welt größer zu machen. Um die Geschichten von anderen Menschen zu erzählen oder kennenzulernen, die nicht unbedingt Helden werden müssen, sondern Menschen bleiben dürfen. Und dabei ist es ganz egal, ob es um Netflix-Serien oder Brand-Stories geht.

Empathie statt Heroismus

Wenn man Storytelling abseits des Heldenanspruchs denkt, dann rückt etwas neues in den Fokus: statt Heldentum geht es plötzlich um Empathie (ein Thema, über das ich bereits für meine Forbes-Kolumne geschrieben habe). Es geht darum, einen anderen Menschen, seine Hintergründe und seine Story besser zu verstehen. Ohne dass man am Ende dieser Reise unbedingt eine Transformation durchmachen oder einen Drachen erledigen muss.

Wenn man Stories abseits der Heldenreise entwickelt, dann kommt man viel eher an dieses Gefühl von „Das geht mir auch so!“ oder „Die oder der versteht mich“ heran. Empathisches Storytelling stellt nicht das Ziel in den Mittelpunkt, sondern die Welt an sich.

Stories zu erzählen bedeutet, Menschen sichtbar zu machen

Eine ganz wichtige Funktion von Stories ist es, Menschen und Themen, die vielleicht auch abseits des derzeitigen Mainstreams liegen, sichtbar zu machen. Dafür braucht es aber keine Heldenreise, im Gegenteil. Wir leben im Jahr 2020, in einer komplexen Welt und die darf sich auch in den Stories, die wir erzählen widerspiegeln.

Netflix hat das in vielen Serien gemacht und wir haben uns darauf eingelassen. Es ist schwer zu sagen, worum genau es bei Orange is the new black wirklich geht. Liebe, Einsamkeit, Familie, Drogen, Vergewaltigungen, Kriminalität, Sehnsüchte, Hühner? Ab der dritten Staffel ist jede Folge ein Deep-Dive in die menschliche Psyche eines Charakters. Und, oh boy, sind diese Charaktere komplex! Aber wir akzeptieren, wir wollen diese Komplexität, weil diese genau das ist, was wir auch von unserem Leben kennen!

Netflix hat in dieser Hinsicht sehr viel verändert: nicht nur wie wir Filme und Serien gucken (über Streaming, per Binge-Watching und Subscription-Modell), sondern auch warum wir diese Serien gucken.

Während Fernsehen und Serien früher dazu dienten, dem Leben einmal für zwei Stunden zu entfliehen, hat sich dies geändert. Wir schauen diese Stories nicht, um dem Leben zu entfliehen, sondern um es zu verstehen.

Und dazu passt auch ein neues Erzählen: Weg von der Heldenreise, hin zum Menschen. Weg von Stereotypen und eindimensionalen Charakteren, hin zur Komplexität.

Let’s make room… for other stories

Andere Stories und andere Menschen sichtbar zu machen, gehört inzwischen zu einer Art Mission-Statement von Netflix. In der „Let’s make Room“-Kampagne des Streaming-Anbieters geht es genau darum: Räume öffnen, die vielleicht nicht von Helden besetzt sind, sondern von Menschen.

In der Serie Jessica Jones, die eigentlich eine Superhelden-Adaption ist, was die ganze Sache noch spannender macht, wird explizit gefragt: Welche Geschichte brauchen wir?

Im Jahr 2020 und einer Zeit, die so komplex ist, bedarf es meiner Meinung nach andere Story-Formate als die klassische Heldenreise. Ebenso wie Netflix, lassen Sie uns gemeinsam Räume öffnen für andere Stories. An deren Ende nicht mehr der Held steht, sondern der Mensch.

Wir helfen Ihnen auch 2020 ihre Story zu entwickeln.

Wir haben Stories mit Strategie- und Innovationsabteilungen entwickelt, sowie für Marketing, Comms, Sales, aber auch HR und Employer Branding. Fragen Sie uns an unter hello@itsalloftheabove.com